Buch

Ich über mich  - Vom Geschichtenerzählen

"Oetinger Lesebuch - Almanach 2000/2001, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg

Es gibt Kinder, die leben in Familien, da sind alle Erwachsenen Ärzte. Oder Tischler. Oder Autobauer. Oder Musiker. Und oft werden diese Kinder dann wieder Ärzte, Tischler, Autobauer oder Musiker und verdienen damit ihr Geld. In meiner Familie waren alle Erwachsenen Geschichtenerzähler. Aber aus den unterschiedlichsten Gründen konnten sie ihre Geschichten nicht aufschreiben, obwohl sie so spannend und klug und wunderschön waren, daß mir alle Kinder leid taten, die die Geschichten nicht kannten und nie kennen würden. Und das waren die meisten Kinder. Geschichten, die nicht aufgeschrieben und festgehalten werden, sind nunmal schwer weiterzugegeben.

Auch ich mußte lauern, daß ich die Erwachsenen so erwischte, daß sie trotz ihrer vielen Arbeit und dem Geldverdienen Zeit zum Erzählen hatten.

Carmen am FensterFür Opas Geschichten ging ich zum Angeln mit, obwohl ich Fische an Angelhaken nicht leiden kann. Opa war neunzig Jahre alt und älter und früher mal Straßenbauarbeiter gewesen. Aber dann war ein Weltkrieg gekommen und dann noch einer und zwei seiner Söhne waren im Krieg gestorben, und Opa hatte seine Heimat und die Wohnung und seine Anziehsachen und überhaupt alles verloren und dann - biß ein Fisch an, und wir zogen ihn aus dem Bach und Opa freute sich! Ich dagegen staunte, wie einer sich freuen kann, der so viel Schreckliches erlebt hat. Opa mußte mir von vorn und immer noch mehr erzählen, denn es ist ein so gutes Gefühl, wenn das Schlimme vorbeigeht und am Schluß das Schöne kommt. Das Schöne für Opa war der Fisch oder die Buttercreme-Torte an seinen Geburtstagen, aber vor allem ich! Klar, daß mir das gefiel! Meine Oma dagegen hatte Einiges an mir auszusetzen, zuerst aber, daß ich so dünn war. Sie nahm mich abends mit in ihr Bett, denn wer dünn ist, kann sich nicht aus eigener Kraft warm halten. Oma wärmte mich also und erzählte mir Geschichten von Gott, den Engeln und den Teufeln. Das Beste war, wenn es gewitterte. Dann standen wir wieder auf und zogen uns an, damit wir schnell aus dem Haus kamen, wenn es einschlug. Oma war ein Bauernkind gewesen und hatte tausend und abertausend Blitze beim Einschlagen erlebt. Davon erzählte sie, während wir zusammenhockten und auf das Einschlagen warteten und es richtig schön schaurig war.

Außer Oma und Opa hatte ich noch Großmutter und Großvater. Sie waren Forstleute und lebten am Waldrand. Großvater hatte seine Geschichten tief in sich verborgen. Sie waren verschreckt, denn sie waren mit ihm in diesen beiden Kriegen gewesen. Aber wenn ich lange genug mit Großvater im Wald herumging und still war, kamen sie aus ihm hervor und sprachen von Tieren und Pflanzen und wie vernünftig alles in der Natur eingerichtet ist und daß der Mensch darauf achten muß und nicht stören darf.

Wenn meine Großmutter gewollt hätte, wäre alles Sagen in Reimen aus ihrem Mund gekommen. Aber sie meinte, das stände einer Förstersgattin und Mutter von vielen Kindern nicht zu Gesicht. Nur die Bohnen, die sie in die Suppe schnippelte oder das Unkraut, das sie im Garten zupfte, durften die Reime hören; Denn Unkraut und Bohnen lachen niemanden aus. Ich auch nicht! Als Großmutter das merkte, durfte ich beim Reimen mitmachen.

Meine Eltern verdienten das Geld für uns als Lehrer. Meine Schwester und ich waren manchmal wütend, weil sie viel mehr Zeit mit fremden Kindern als mit uns, immerhin ihren eigenen, verbrachten! Aber die Märchen von den Kobolden und Feen, die erfand Vater für uns allein. Und im Urlaub, wenn Mutter nicht so angestrengt war, konnte sie lange Gedichte aufsagen, in denen Schiffe untergingen, Ritter kämpften und Männer und Frauen sich rasend verliebten.

Ich hatte unzählige Onkel und Tanten, die in den verschiedensten Berufen arbeiteten. Und sie alle wußten davon Erstaunliches zu berichten, sie alle hatten Aufregendes erlebt und Merkwürdiges gehört und sie erzählten es mir weiter.

So kam es, daß ich seit ich denken kann nichts anderes werden wollte, als ein Geschichtenerzähler. Ich wollte alles Gehörte aufschreiben und auch alles, was ich selbst noch Tolles erleben würde.

Das erste Buch schrieb ich mit acht Jahren für meine jüngere Schwester. Die nächsten Bücher schrieb ich für meine Freunde. Jeder las meine Geschichten gern, auch die Deutschlehrer und so meinte ich, es müßte doch einfach sein, sie drucken zu lassen und verkaufen zu können. Da hatte ich mich geirrt!

Als ich studierte und mit dem Geldverdienen anfing, war Deutschland noch geteilt. Ich lebte in der DDR und dort wurde nur gedruckt, womit die Regierenden einverstanden waren. Meine Geschichten paßten ihnen nicht. Ich arbeitete an einem großen Berliner Theater. So konnte ich mithelfen, die Geschichten von anderen auf die Bühne zu bringen. Aber auch, was die Leute am Theater dem Publikum vorspielten, paßte der Regierung nicht. Ein Stück nach dem anderen wurde verboten. Nun versuchte ich es beim Film. Wir dachten uns die tollsten Filmgeschichten aus, nur gedreht wurden sie meistens nicht. Oder der fertige Film durfte nicht im Kino oder im Fernsehen gezeigt werden. Was nun? Ich hatte zwei Ideen: Über die Grenze abhauen oder was gegen diese Regierung tun. Beides war gefährlich. Viele Leute waren in der gleichen Zwickmühle. Ich schloß mich denen an, die im Land blieben und kämpfen wollten. Und ganz wie in Opas alten Geschichten kam nach Abenteuern, Aufregungen und auch schlimmen Erlebnissen das Schöne! Die Mauern und Grenzen gingen auf und die Menschen bekamen eine neue Chance. Ich probierte es sofort wieder mit dem Geschichtenschreiben. Und konnte es selbst kaum glauben: Es klappte! Meine Geschichten wurden gedruckt, kamen auf die Bühne, ins Kino und ins Fernsehen. Und in unser Haus kommt Geld! Das brauchen wir auch! Wir sind nämlich nicht nur Vater, Mutter und zwei Töchter, sonder haben auch Pferde, Hunde, Katzen und Schafe. Im Winter wollen die Vögel in unserem Garten Futter haben und die Mäuse sind auch nur darum gern bei uns, weil immer Brot im Kasten und Speck in der Kammer hängt.

Unser Haus steht allein auf einem kleinen Berg, von dem wir bis zur Ostsee gucken können. Die Leute machen hier gern Urlaub. Im Urlaub kann man mal machen, was man will. Ich kann das jetzt immer! Ich schreibe Geschichten.